Digitale Souveränität in progress: KI made in Europe

80 Prozent der digitalen Technologien, die Europa nutzt, kommen aus dem Ausland. Wer die Daten hat, hat die Macht, und diese liegt derzeit kaum in europäischen Händen. Was sich ändern soll.

Es brauchte nur eine Anordnung aus Washington und Europa stand ohne eine seiner leistungsfähigsten KIs da. Mitte Juni zwang die US-Regierung das Unternehmen Anthropic per Exportkontrolle, seine stärksten Modelle für alle Nicht-US-Bürger:innen zu sperren. Über Nacht war ein kommerzielles System für europäische Nutzer:innen nicht mehr verfügbar. In der Digitalbranche löste das offene Sorgen aus: Der Verband Bitkom warnte vor der Verwundbarkeit Europas, Stimmen forderten einen „Souveränitätsgipfel”.

Der aktuelle Fall rückt eine Frage ins Zentrum über die in der EU schon lange diskutiert wird: Wem gehört eigentlich die Technologie, auf die wir uns längst verlassen? Denn die Zahlen hinter dieser Debatte sind ernüchternd. Aktuell importiert Europa 80 Prozent der digitalen Technologien, die hier verwendet werden, aus Drittländern. 70 Prozent der Clouds, die von Unternehmen und Regierungen in der EU genutzt werden, gehören US-Großfirmen. Und nur 4 Prozent des globalen KI-Trainings finden überhaupt auf europäischem Boden statt. In einer Zeit wachsender geopolitischer Spannungen wird das zunehmend zum Problem: Es entstehen problematische Abhängigkeiten, hohe Kosten und die reale Gefahr, dass sensible Daten und Geschäftsgeheimnisse nicht ausreichend geschützt sind.

Europa im Vergleich

Doch warum hinkt Europa überhaupt hinterher? Für Fridolin Wenny, Leiter des Büros für Digitale Agenden in der Arbeiterkammer, liegt das vor allem an drei Faktoren: zu wenig Rechenleistung, einem fragmentierten (Daten-)Markt und weniger Risikokapital. Was in den USA die großen Hyperscaler (Anbieter von Cloud-Diensten wie Google Cloud oder Microsoft Azure) an Daten und Geld in den Ausbau der KI-Recheninfrastruktur und in Unternehmensbeteiligungen an Entwickler von KI-Modellen stecken, gleicht China zumindest teilweise durch eine gebündelte, staatliche Industriepolitik aus. „In Europa aber ist das bisher weder privat noch öffentlich in vergleichbarem Maßstab gelungen“, sagt Wenny. Dennoch werde hier viel relevante Forschung betrieben, und die EU verfolge ambitionierte Pläne.

Entscheidend sei künftig vor allem der Transfer in industrielle Anwendungen – und gerade dabei könne der oft kritisierte Datenschutz zum Standortvorteil werden: Industrieunternehmen wollen ihre Prozesse optimieren, ohne Geschäftsgeheimnisse offenlegen oder teilen zu müssen. „Letztlich liegt im Bereich der vertrauensvollen KI-Anwendungen ein großes Potenzial für europäische Lösungen.“

Technologische Souveränität

Immer mehr Unternehmen und Behörden werden jetzt aktiv. Das österreichische Bundesheer stieg 2022 konsequent von Microsoft Office auf die Open-Source-Lösung LibreOffice um. Die öffentliche Verwaltung im deutschen Schleswig-Holstein spart durch einen ähnlichen Schritt 15 Millionen Euro Lizenzkosten pro Jahr.

EU-Abgeordneter Helmut Brandstätter ist in verschiedenen Arbeitskreisen rund um KI und digitale Souveränität aktiv und bringt es auf den Punkt: „Technologische Souveränität bedeutet, dass Europa nicht vollständig von US-amerikanischen oder chinesischen Systemen abhängig sein darf.“ Und er geht noch weiter: Angesichts der unabsehbaren Risiken der Technologie hält er sogar ein internationales Non-Proliferation-Abkommen für KI für denkbar – ein Vertrag, der ähnlich wie bei Atomwaffen den unkontrollierten Zugang zu besonders gefährlichen KI-Systemen weltweit regulieren soll.

Als positives Beispiel nennt er das europäische KI-Modell Mistral Vibe – eine europäische Alternative zu ChatGPT. Es zeige, dass auch in der EU wettbewerbsfähige Lösungen entstehen, die europäische Sprachen besser unterstützen und oft deutlich ressourcenschonender sind. Laut offiziellen Zahlen des EU-Parlaments gibt es derzeit rund 7.000 KI-Start-ups in Europa.

Sandra Gloning

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