Care Drain: Wer pflegt, wenn alle weg sind?
Pflegearbeit wird in der EU grenzüberschreitend organisiert: Frauen aus Osteuropa arbeiten in Österreich – und fehlen gleichzeitig in ihren Herkunftsländern.

in Sturz auf der Treppe, ein Schlaganfall oder die Diagnose: Demenz. Manchmal reicht ein einziges Ereignis, und aus Eigenständigkeit wird Abhängigkeit. Was gestern noch selbstverständlich war – aufstehen, duschen, einkaufen, die Nacht durchschlafen – geht plötzlich nicht mehr allein. Viele Menschen sind früher oder später auf Pflege angewiesen.
„Das ist kein Randthema, es ist eine Grundfrage gesellschaftlicher Organisation. Menschen müssen betreut und gepflegt werden“, sagt Bettina Haidinger, die sich genau mit diesem Thema beschäftigt. An der Hochschule Burgenland unterrichtet sie Europäische Wirtschaft. An der Forschung Burgenland, der Forschungs- und Tochtereinrichtung der FH Burgenland, untersucht sie grenzüberschreitend, wie Pflege und Betreuung in einer alternden Gesellschaft nachhaltig organisiert werden können.
„Das ist kein Randthema, es ist eine Grundfrage gesellschaftlicher Organisation. Menschen müssen betreut und gepflegt werden“, sagt Bettina Haidinger, die sich genau mit diesem Thema beschäftigt. An der Hochschule Burgenland unterrichtet sie Europäische Wirtschaft. An der Forschung Burgenland, der Forschungs- und Tochtereinrichtung der FH Burgenland, untersucht sie grenzüberschreitend, wie Pflege und Betreuung in einer alternden Gesellschaft nachhaltig organisiert werden können.
Importierte Fürsorge
Für manche beginnt Pflege und Betreuung im Heim, für andere zu Hause. Aber fast immer steht am Anfang dieselbe Frage: Wer hilft jetzt? In Österreich übernehmen diese Aufgaben oft Frauen aus Osteuropa. Während Pflege professionelle, medizinische Dienstleistungen umfasst, gehören zur Betreuung Tätigkeiten rund um das persönliche Wohlbefinden und die Haushaltsführung. „Aber besonders im privaten Bereich verwischen die Grenzen“, sagt Haidinger. Sie unterstützen nicht nur beim Aufstehen, Waschen, Anziehen oder Essen, was zum klassischen Tätigkeitsbereich gehört, sondern geben auch Medikamente, messen den Blutdruck oder versorgen Wunden. Rechtlich sei das eine Grauzone, sagt Haidinger, für Familien bleibe es trotzdem oft die praktikabelste Lösung. Besonders im ländlichen Raum ist die 24-Stunden-Betreuung längst eine tragende Säule der Versorgung.
Von Land zu Land
Laut Pflegevorsorgebericht waren 2024 rund 60.000 Personen in Österreich als selbstständige Personenbetreuer:innen angemeldet, ein Großteil davon sind Frauen. In einer Online-Umfrage der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA) gaben mehr als die Hälfte der befragten Betreuer:innen an, ihren Lebensmittelpunkt in Rumänien zu haben. Etwa ein Viertel lebt in der Slowakei. Viele der Frauen werden von Agenturen nach Österreich vermittelt. „Wir sehen eine Verschiebung von der Slowakei Richtung Rumänien – der Markt folgt dem Einkommensgefälle“, sagt Haidinger. Heißt: Steigen die Löhne in einem Herkunftsland, sinkt der Druck, für die Arbeit nach Österreich zu gehen – die Migration verlagert sich dorthin, wo der Unterschied noch groß genug ist. Betreuungslücken würden mit Personen geschlossen, „die sich in einer noch schlechteren Arbeitsmarktsituation befinden“. Eine sogenannte Care-Kette entsteht.
In der FORBA-Studie sind 97 Prozent der Betreuenden weiblich, die große Mehrheit ist über 45 Jahre alt. 70 Prozent haben Matura oder einen Hochschulabschluss. Gut ausgebildete Personen verrichten in österreichischen Haushalten also oft Tätigkeiten, für die sie überqualifiziert sind. In den Herkunftsländern hinterlassen die Frauen aber nicht nur am Arbeitsmarkt große Lücken. „Was es ganz bestimmt gibt, ist ein Care Drain – nicht nur im professionellen Bereich, sondern auch in der informellen Pflege“, sagt Haidinger.
15. April 2026, Alexandra Polič
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