Mitgliedschaft light: Wie die EU Kanada näher an sich binden will

Wird Kanada das erste assoziierte Mitglied der EU? Eine engere Kooperation hat Potenzial für beide Seiten. Die Arbeiterkammer hofft im Fall der Fälle auf Stärkung der Arbeitnehmer:innen-Rechte.

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Es waren die besten Zeiten, es waren die schlimmsten Zeiten“ – mit dem berühmten Charles-Dickens-Zitat eröffnete Ursula von der Leyen vergangene Woche ihre Rede zur Lage der Union und spannte damit den Bogen zu den „außergewöhnlichen“ Herausforderungen der EU.

Im Konflikt Europas mit Donald Trump, Wladimir Putin und Xi Jinping verlangte von der Leyen ein „stärkeres und unabhängigeres“ Europa. „In der kalten Fragilität der heutigen Welt kann nur Europa den Europäern echte Souveränität geben“, sagte sie in Straßburg. Ihren wohl überraschendsten Vorschlag machte sie in Richtung Kanada. Nicht etwa eine verbesserte Kooperation bot sie dem Land an, sondern gleich eine „assoziierte Mitgliedschaft in der EU“ – gewissermaßen eine Mitgliedschaft light.

Carney: Keine „Schönwetterverbündete“

Premierminister Mark Carney reagierte darauf einen Tag später bei einem Auftritt vor EU-Abgeordneten. Sowohl für Kanada als auch für Europa böten sich Alternativen zu bisherigen Abhängigkeiten bei kritischen Rohstoffen, dem Energiesektor, der Verteidigung sowie bei Forschung, Bildung und künstlicher Intelligenz. Junge Menschen könnten künftig leichter im jeweils anderen Raum leben, arbeiten und studieren. Es handele sich bei EU und Kanada nicht um „Schönwetterverbündete“, sondern um eine „Wahlverwandtschaft“ auf Grundlage gemeinsamer Werte und Ideen, sagte der Premier.

Carney betonte, die Partnerschaft  ziele nicht auf die Bildung eines neuen Machtblocks ab, der mit großen Weltmächten konkurrieren will. Die Allianz zwischen Ottawa und Brüssel sei „eine positive Initiative, das ist meine Antwort an den amerikanischen Präsidenten“, welcher zuvor die assoziierte Mitgliedschaft als „lächerlich“ bezeichnet und beiden Seiten des Atlantiks mit neuen Zöllen und Handelsblockaden gedroht hatte.

Wirtschaftlich eng verflochten

Konkret wollen die EU und Kanada den freien Verkehr von Waren, Dienstleistungen und Arbeitskräften ermöglichen und insbesondere gemeinsame digitale Infrastrukturprojekte vorantreiben. Ein rund 4.000 Kilometer langes Hochspannungs-Unterseekabel soll Kanada mit Europa verbinden, dazu kommen gemeinsame Rechenzentren und neue Satellitennetzwerke.

Für eine engere Partnerschaft gibt es bereits eine solide wirtschaftliche Grundlage: Mit insgesamt rund 490 Millionen Einwohner:innen machen die EU und Kanada derzeit fast ein Fünftel des weltweiten BIP und knapp 20 Prozent des weltweiten Handels mit Waren und Dienstleistungen aus, gab der Europäische Rat kürzlich bekannt. 2025 belief sich der Handel zwischen der EU und Kanada auf rund 131 Milliarden Euro.

24. September 2026

Margaretha Kopeinig

Mitgliedschaft light: Wie die EU Kanada näher an sich binden will – Arbeit&Wirtschaft