Kommentar: Gesundheit für alle!

GÖD-Gesundheitsexperte Reinhard Waldhör darüber, warum Reformen im System vielmehr strukturell ansetzen müssen, anstatt Einzelne von einer guten Versorgung auszuschließen.

Täglich spreche ich mit den Menschen, die unser Gesundheits- und Pflegesystem tragen: mit Pflegekräften, Therapeut:innen, medizintechnischen und diagnostischen Mitarbeiter:innen, Mediziner:innen, in diversen Assistenzberufen Tätigen und vielen weiteren Beschäftigten. Rund 80 verschiedene Berufsgruppen arbeiten in unseren Gesundheitseinrichtungen Hand in Hand wie ein Uhrwerk. Sie alle leisten Großartiges für die Versorgung der Menschen in Österreich. Gleichzeitig spüren sie den wachsenden Druck im System so deutlich wie kaum jemand sonst.

Ein wesentlicher Grund dafür ist der Sparkurs der öffentlichen Hand. Wenn notwendige Investitionen ausbleiben, entstehen Lücken. Und genau in diese drängen immer öfter private Investoren, die Gesundheit als attraktiven Markt betrachten und Personalkürzungen zur Profitoptimierung durchsetzen. Doch ein solidarisches Gesundheitswesen darf kein Geschäftsmodell auf Kosten der Mitarbeiter:innen sein.

Steigende Belastung und Zweiklassen-Medizin

Für Beschäftigte bedeutet das in der Folge steigende Belastung – und für Patient:innen eine Zwei-Klassen-Medizin: Wer es sich leisten kann, weicht auf private Angebote aus. Wer das nicht kann, bleibt im öffentlichen System und muss mit langen Wartezeiten leben lernen.

Dabei geht in den verwinkelten Strukturen des Gesundheitssystems auch viel Geld verloren, das für die Verbesserung von Versorgung und Arbeitsbedingungen gebraucht würde. Bund, Länder, Sozialversicherung und unterschiedliche Träger sind an der Finanzierung beteiligt; Zuständigkeitsdebatten blockieren das System. Bundesländer diskutieren darüber, wer welche Leistungen erbringen soll und wer welche Kosten zu tragen hat. Dahinter steht oft auch die Frage, wer in das System einzahlt und wer davon profitiert. Aber Gesundheit darf nicht an Landesgrenzen enden.

Ein öffentliches Gesundheitssystem muss für alle Menschen zugänglich sein, die in Österreich leben – niederschwellig, wohnortnah und dort, wo Versorgung notwendig ist. Aufgrund der demografischen Entwicklung unserer Gesellschaft werden in den kommenden Jahren noch deutlich mehr Menschen medizinische Versorgung und Pflege benötigen, während viele erfahrene Mitarbeiter:innen altersbedingt aus den Berufen ausscheiden. Mehr Patient:innen treffen also auf weniger Personal – das wird die bestehenden Probleme weiter verschärfen.

Nötige Reform

Damit das System auch unter diesen Bedingungen funktioniert, braucht es Reformen, die eine Vereinfachung in den Strukturen bringen, klare Zuständigkeiten und vor allem eine Finanzierung, die aus einer Hand gedacht wird. Der derzeitige Spardruck führt allzu oft allein zu populistischen Debatten. Das bringt niemandem etwas – weder den Beschäftigten noch den Menschen, die auf eine gute medizinische Versorgung angewiesen sind.

Wenn wir das System gesamthaft betrachten, können Ressourcen besser eingesetzt werden. Dann kommt das Geld dort an, wo es gebraucht wird: bei den Patient:innen und den Mitarbeiter:innen im Gesundheits- und Pflegebereich.

Reinhard Waldhör

11. Juni 2026

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