Unbezahlte Arbeit: Eine Lücke in der Wirtschaftserfassung
Unbezahlte Care-Arbeit muss in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung integriert werden. Erst die gemeinsame Erfassung von bezahlter und unbezahlter Arbeit zeigt ihre tatsächliche Bedeutung und macht Verschiebungen zwischen diesen Sektoren sichtbar. Klar wird auch: Frauen leisten immer mehr dieser Arbeit – oft schlecht entlohnt oder unbezahlt.

Nach wie vor gibt es keine jährliche Erhebung der unbezahlten Sorge- und Versorgungsarbeiten wie Kinderbetreuung, Haushaltsführung oder die Pflege von Angehörigen. Deshalb ist es auch nicht möglich, für Österreich Erkenntnisse darüber zu gewinnen, welche Verlagerungsprozesse zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit stattfinden. Analysen aus anderen Ländern zeigen aber, dass der demographische Wandel in den privaten Haushalten angekommen ist. Zum einen wird heute pro Kind mehr Zeit aufgewendet als dies in früheren Jahren der Fall war, zum anderen steigt die Belastung durch die Pflege von Angehörigen, Nachbar:innen oder Freund:innen. In vielen Fällen täuscht der Diskurs über Doppelbelastung von Erwerbs- und Privatleben über die tatsächliche Dimension des Arbeitsumfangs. Die immer wiederkehrende Idee, dass die Aktivierung von Frauen für den Arbeitsmarkt den Fachkräftemangel beheben könnte, führt an diesen Realitäten vorbei. Nur die Erkenntnis über diese Veränderungsprozesse kann als Grundlage für politische Entscheidungen dienen, die tatsächlich dazu beitragen, dringende gesellschaftliche Probleme zu lösen.
Verschiebungen zwischen formeller und informeller Sorgearbeit
Wenn beispielsweise formelle Pflegearbeiten aufgrund von Fachkräftemangel schrumpfen, wandern diese unbemerkt in die privaten Haushalte. Den Preis dafür zahlen wir alle. Die formelle Pflege schafft Erwerbsarbeitsplätze, generiert Einkommen, ermöglicht das Zahlen von Mieten, Kleidung, Essen, Urlauben, Kunst und Kultur. Der Pensionstopf wird gefüllt. Diese Arbeiten spielen im sichtbaren Wirtschaftskreislauf eine erkennbare Rolle und kurbeln die Volkswirtschaft an.
Die informelle, nicht bezahlte, unsichtbare Pflege schafft es nicht ins BIP (Bruttoinlandsprodukt) und erzeugt andere, gegenteilige Effekte. Pflegende Angehörige müssen oftmals ihre Erwerbsarbeit reduzieren oder aufgeben, können sich weniger leisten, haben weniger Freizeit, sind mehr auf Transferleistungen angewiesen, können weniger Steuern zahlen und sind mehr von Armut betroffen.
Es ist für politische Entscheidungen von großer Bedeutung, solche Verlagerungsprozesse frühzeitig zu erkennen. Jedes Mittel zur Gleichstellung, das die Verteilung von unbezahlter Arbeit und bezahlter Arbeit und ihrer geschlechtliche Zuordnung außer Acht lässt, entscheidet an der Lebensrealität von Menschen vorbei.
Datenlöcher und der Wert von unbezahlter Care-Arbeit
2021/22 wurde nach einer 13-jährigen Pause die Zeitverwendungserhebung von der Statistik Austria durchgeführt. Diese Erhebung gibt u. a über die Verteilung der unbezahlten Sorge- und Versorgungsarbeit im privaten Haushalt Auskunft. Auch die letzten Ergebnisse zeigen, dass all diese Arbeit um vieles mehr von Frauen übernommen wurde, denen diese Zeit fehlt, um einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Die Auswirkungen kennen wir alle: Care Gap, Pay Gap, Pensions-Gap.
Berechnet man mit den Daten der Zeitverwendungserhebung den monetären Wert der unbezahlten Sorge- und Versorgungsarbeit, kann man ihre Wertschöpfung mit den anderen Sektoren aus dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) vergleichen. In Abbildung 1 ist ersichtlich, um wie vieles mehr unbezahlte Arbeit in Österreich geleistet wird als in jedem anderen Sektor.
09. September 2025
Christine Rudolf, Elisabeth Sechser
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