Gefangen im Feed: Wie Social Media-Plattformen Sucht fördern

Likes, Push-Nachrichten und endloses Scrollen wirken harmlos, doch sie folgen einem klaren Prinzip. Neue Studien der Arbeiterkammer zeigen, wie stark Social Media auf Suchtmechanismen setzt. Wer kennt es nicht: Man will nur kurz in den Kalender schauen.

Und plötzlich hat man das Handy seit 30 Minuten in der Hand, scrollt durch Kurzvideos ohne wirklichen Inhalt und fragt sich, wie es dazu gekommen ist. Social Media gehört für viele zum Alltag, doch zwei neue Studien im Auftrag der Arbeiterkammer Wien zeigen, wie stark Plattformen versuchen, uns bewusst am Handy zu halten. TikTok und Instagram wurden erstmals systematisch auf ihr Suchtpotenzial hin untersucht – mit alarmierenden Ergebnissen. Gleichzeitig rückt eine zweite Studie die Frage in den Fokus, wie Kinder im Netz geschützt werden können, ohne ihre Privatsphäre zu gefährden.

Design, das süchtig macht

Im Zentrum der Studie rund um die Aufmerksamkeit steht das sogenannte Addictive Design: gezielt entwickelte Funktionen, die Nutzer:innen möglichst lange auf Plattformen halten sollen. Forschende des Instituts für Höhere Studien (IHS) analysierten 55 Kriterien solcher Designelemente und bewerteten TikTok und Instagram mit einem Ampelsystem. Demnach fördern TikTok und Instagram klar ein suchtähnliches Nutzungsverhalten. Besonders gefährdet sind Kinder und Jugendliche, deren Selbstkontrolle und Belohnungssysteme noch in Entwicklung sind. „Was auf sozialen Medien zu beobachten ist, durchzieht aber die gesamte digitale Ökonomie – von Dating-Apps über Fitness-Tracker bis zu Online-Shops. Überall dort, wo Geschäftsmodelle auf der Aufmerksamkeit von Nutzer:innen aufbauen, haben sich Praktiken durchgesetzt, die systematisch auf Kontrollverlust abzielen,“ so Laura Wiesböck, IHS-Studienautorin.

 Überall dort, wo Geschäftsmodelle auf der Aufmerksamkeit
von Nutzer:innen aufbauen, haben sich Praktiken durchgesetzt,
die systematisch auf Kontrollverlust abzielen. Laura Wiesböck, IHS-Studienautorin

Zu den wichtigsten Methoden des Addictive Designs zählen die Möglichkeiten des endlosen Scrollens, sowie das automatische Abspielen von Videos und Push-Benachrichtigungen. Infinite Scroll, also das scheinbar unendliche Scrollen, verhindert natürliche Pausen. Auto-Play lässt hingegen Inhalte ohne aktive Aufforderung starten, während Push-Benachrichtigungen am Smartphone eine künstliche Dringlichkeit erzeugen. Hinzu kommt die intransparente Rolle der Algorithmen: Sie spielen vor allem Inhalte aus, welche die Verweildauer maximieren, nicht das Wohlbefinden. Und bei dem, was uns aufregt, bleiben wir hängen. Deshalb verbreiten sich Falschnachrichten zum Beispiel über Asylpolitik auch auf Social Media so schnell.

Altersbeschränkung trotz Datenschutz

Parallel zu den Suchtmechanismen untersuchte das Institut für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften die Altersverifikation im Netz für soziale Medien und Webseiten, die europaweit diskutiert und getestet wird. Das Ergebnis: Viele bestehende Verfahren greifen tief in die Privatsphäre der Nutzer:innen ein, etwa durch biometrische Gesichtserkennung oder Ausweiskontrollen.

Gleichzeitig wird diskutiert, ob es staatliche Lösungen geben könnte. Besonders die bewährte ID-Austria würde sich dafür anbieten, um im Web das Alter von Menschen zu bestätigen. Allerdings könnten diese neue Überwachungsrisiken bieten, wenn es beispielsweise um Pornographie-Plattformen, Spieleplattformen oder Ähnliches geht. Die zentrale Herausforderung ist, dass Jugendschutz nicht zum Datenschutzproblem werden darf.

Sandra Gloning

18. Februar 2026

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