Die europäische Realität der Erbschaftssteuer und Österreichs Sonderweg
Österreich ist eines der Länder mit der höchsten Vermögenskonzentration in der EU. Die negativen Folgen dieser frappierenden Ungleichheit reichen von mangelnder Chancengerechtigkeit über Machtverschiebungen in der Demokratie bis zur Verschärfung der Klimakrise.

Über Erbschaften wird diese Ungleichheit über Generationen weitergegeben. Durch eine neue Studie der Europäischen Kommission erhält die Diskussion um eine Besteuerung von Erbschaften nun neuen Rückenwind.
Neue Studie im Auftrag der EU-Kommission erschienen
Die OECD rät Österreich schon seit Jahren zu einer Einführung einer Erbschafts- und Schenkungsteuer. Denn Österreich hat nicht nur eine hohe Vermögensungleichheit, sondern auch besonders niedrige Steuern auf Vermögen. Auch die Europäische Kommission hat im Jahr 2020 die Einführung von Erbschaftssteuern empfohlen. Nun ist eine von ihr in Auftrag gegebene Studie erschienen.
Vor dem Hintergrund der steigenden Kritik an der ungleichen Vermögensverteilung in Europa untersuchen in „Wealth Taxation, Including Net Wealth, Capital and Exit Taxes“ Expert:innen aus verschiedenen europäischen Ländern (u. a. vom WIFO) den schleichenden Rückgang von Steuern auf Vermögensbestände und -übertragungen. Dabei fokussiert sich die Studie auf Vermögensteuern, wiederkehrende und nicht-wiederkehrende Kapitalertragsteuern, Erbschafts- und Schenkungssteuern sowie die Wegzugsbesteuerung und stellt sie in den internationalen Vergleich. Die Autor:innen zeigen auch, dass während die Anteile der reichsten Personen aus anderen Teilen der Welt in den vergangenen Jahren stabil waren, in der EU die reichsten 1 Prozent ihren Anteil am gesamten Haushaltsvermögen gesteigert haben.
Erbschaften sind ein Treiber von Ungleichheit
Die Bedeutung von Erbschaften hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Sowohl ihr Anteil am privaten Vermögen als auch am Nationaleinkommen ist gestiegen. Gerade beim Aufbau hoher Vermögen spielen Erbschaften eine entscheidende Rolle und tragen, da sie überproportional oft und überproportional hoch in vermögenden Haushalten vorkommen, zur steigenden Vermögenskonzentration bei. Die Studie beschreibt Erbschafts- und Schenkungssteuern als eines der treffsichersten Instrumente, um bei generationenübergreifenden Transfers und Chancengleichheit korrigierend einzugreifen.
Seit Jahrhunderten gibt es Erbschaftssteuern
Historisch gesehen, zählen Erbschaftssteuern zu den ältesten Steuern der Welt. Von den 34 europäischen Ländern, die in ihrer Geschichte eine Erbschaftssteuer hatten, haben mehr als die Hälfte diese im 18. oder 19. Jahrhundert eingeführt. Aktuell gibt es in Europa noch 27 Länder, die eine Erbschafts- und Schenkungssteuer einheben. Davon sind 17 Mitglied der Europäischen Union. Gleichzeitig gibt es sechs EU-Mitgliedsstaaten (acht in ganz Europa), die ihre Erbschaftssteuern in diesem Jahrhundert abgeschafft haben – einer davon ist Österreich. Der „Trend“ in Richtung Abschaffung der Erbschaftssteuern war jedoch nicht von besonders starker Persistenz: Das letzte Mal wurde vor über zehn Jahren eine Erbschaftssteuer in der Europäischen Union abgeschafft.
Max Wehsely, Saskia Berthold
03. Juni 2026
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