Aufstiegsmöglichkeiten über Generationen

Die Ungleichheit von Chancen und Ergebnis in Öster­reich

Fünf Generationen. So lange dauert es in Österreich im Schnitt, bis Kinder aus den ärmsten zehn Prozent der Bevölkerung das Durchschnittseinkommen erreichen.

Das zeigte 2018 ein viel diskutierter OECD-Ungleichheitsbericht, der Österreich bei der sozialen Mobilität unterdurchschnittliche Werte bescheinigte. Nun hat die OECD einen neuen Bericht vorgelegt. Zeit für eine Bestandsaufnahme: Wo steht Österreich heute? Und was bedeuten die Erkenntnisse für die Politik?

Neue Methode zur Messung von sozialer Mobilität eingesetzt

Mit der soeben vorgelegten Studie „How to Bridge the Gap in Opportunities“ beschreitet die OECD einen neuen methodischen Weg: Im Gegensatz zum Bericht „A Broken Social Elevator?“aus 2018 verwendet sie diesmal nicht die „Standardmethode“ zur Berechnung sozialer Mobilität. Diese wurde bislang meist anhand des Sozialstatus von zwei Generationen gemessen, d. h. wie stark das Einkommen, das formale Bildungsniveau oder der Beruf der Eltern und jene der Kinder miteinander korrelieren. Je stärker diese miteinander zusammenhängen, desto geringer die soziale Mobilität. Der Fokus lag also bisher auf „Ergebnisungleichheiten“ (inequality of outcomes), d. h. den Unterschieden der konkreten sozialen Lebenslagen zwischen den Generationen.

Im neuen Bericht spricht die OECD nun explizit von „Chancenungleichheiten“ (inequality of opportunities), also wie ungleich die Möglichkeiten sozialen Aufstiegs für den Einzelnen sind. Die Frage, ob es wichtiger ist, sich mit Ergebnis- oder Chancenungleichheit zu beschäftigen, verfolgt die Gerechtigkeitsforschung schon seit Langem. Klar ist jedoch: Die beiden Formen lassen sich nicht voneinander trennen: Denn die tatsächlichen Ergebnisungleichheiten von heute prägen die Chancen von morgen.

Die zentrale Frage im diesjährigen Bericht lautet nun: Wie viel der heutigen Ungleichheit lässt sich durch Faktoren erklären, die Menschen nicht beeinflussen können? Als „nicht beeinflussbare Faktoren“ definiert die OECD Merkmale wie das Geschlecht, das Geburtsland, den Migrationshintergrund, die Bildung der Eltern und das Wohnumfeld in der Kindheit. Gemessen wird, welchen Einfluss diese Merkmale auf das Ausmaß der Ungleichheit haben. Die Idee dahinter: Unterschiede, die auf eigene Anstrengung zurückgehen, gelten als „fair“. Unterschiede, die man nicht individuell beeinflussen kann, sind hingegen „unfair“ und müssen politisch adressiert werden. Allerdings ist diese Unterscheidung selbst nicht unproblematisch. Denn „faire“ und „unfaire“ Faktoren lassen sich kaum voneinander trennen. Die individuelle Leistungsfähigkeit – wie viel jemand lernt, wie hart jemand arbeitet – hängt stark vom sozialen Umfeld und den materiellen wie immateriellen Ressourcen ab, die einem mitgegeben wurden. Ebenso von sozialen Verpflichtungen, wie der Betreuung von Kindern oder älteren Angehörigen.

Die Herstellung von gleichen Startchancen für alle ist in einer strukturell ungleichen Gesellschaft daher auch weitgehend utopisch, was aber nicht bedeutet, dass sich dadurch nicht die Lebenschancen vieler verbessern können. Dementsprechend hat der neue methodische Ansatz der OECD auch einen Vorteil: Er macht sichtbar, wo Politik konkret ansetzen kann, um zumindest die Chancenungleichheiten, die unmittelbar aus „nicht beeinflussbaren Faktoren“ entstehen, zu verringern.

Wo liegt nun Österreich? Chancenungleichheit im internationalen Vergleich

Während Österreich im OECD-Bericht von 2018 bei der sozialen Mobilität noch unterdurchschnittlich abgeschnitten hatte, ergibt sich mit der neuen Berechnungsmethode ein etwas anderes Bild: 23 Prozent der Chancenungleichheit lassen sich hierzulande auf für die bzw. den Einzelne:n „nicht beeinflussbare“ Faktoren zurückführen. Dieser Wert liegt unter dem OECD-Durchschnitt von 28 Prozent. Island, Dänemark und Finnland sowie die Schweiz sind Länder, in denen Herkunftsfaktoren eine noch deutlich geringere Rolle spielen. Am anderen Ende der Skala liegen Bulgarien mit 50 Prozent sowie Rumänien und die USA mit jeweils 42 Prozent. In diesen Ländern entscheiden „nicht beeinflussbare“ Faktoren also besonders stark über die späteren Lebenschancen.

Judith Derndorfer, Oliver Gruber, Julia Hofmann

17. Dezember 2025

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